„Ich veranstalte keinen Hokuspokus“

Die Spieler nennen ihn Psychoglatze oder Profiflüsterer. Denn es ist gar nicht so einfach, für Holger Fischer eine Berufsbezeichnung zu finden. Er selbst nennt sich Prozessbeschleuniger, aber auch das sei nur ein Element seiner Arbeit. Er heilt mit Worten und Händen – und kaum ein Spieler kann genau sagen, was mit ihm passiert. Blockaden lösen sich. Im Kopf und im Körper. Holger Fischer hat Christoph Mulitze erzählt, welcher Logik er folgt, warum jede Verletzung vermeidbar ist und wie lange er braucht, um einen Torjäger mit Ladehemmung wieder in die Erfolgsspur zu führen.

Transfermarkt.de: Herr Fischer, können Sie Wasser zu Wein verwandeln?
Holger Fischer (lacht): Nein, natürlich nicht.

Transfermarkt.de: Sie würden sich also nicht als Wunderheiler bezeichnen?
Holger Fischer: Nein, das ist ein Konstrukt der Presse.

Transfermarkt.de: Die Lobeshymnen auf Ihre Fähigkeiten klingen aber so. Was machen Sie genau?
Holger Fischer: Meine Tätigkeit hat mit Wundern nichts zu tun. Es steckt eine Logik dahinter. Wenn ich von Journalisten gefragt werde, nenne ich mich gerne Prozessbeschleuniger bei der Genesung von Verletzungen. Aber das ist nur eine von drei Sparten. Die zweite ist Karrierebegleitung, die dritte Krisenbewältigung.

Transfermarkt.de: „Prozessbeschleuniger bei der Genesung von Verletzungen“ – was steckt konkret dahinter?
Holger Fischer: Jede Verletzung hat eine emotionale Ursache. Die versuche ich durch Gespräche herauszubekommen. Wenn Zusammenhänge klar sind, erarbeite ich gemeinsam mit dem Spieler eine Lösung mit einem ganzheitlichen Ansatz, der Körper, Geist und Seele als Einheit beinhaltet.

Transfermarkt.de: Das würde ja bedeuten, dass jede Verletzung eine psychosomatische Ursache hat.
Holger Fischer: Das Wort „psychosomatisch“ gefällt mir nicht, weil es negativ besetzt ist. Ich sage lieber: Hinter jeder Verletzung steckt ein Thema.

Transfermarkt.de: Aber wenn mir ein Gegner in die Knochen fährt und mir ein Bein bricht, kann die Ursache der Verletzung doch nicht sein, dass mich irgendein Problem belastet.
Holger Fischer: Wenn Sie in dieser Situation dem Gegner nicht ausweichen können, sind Sie im Kopf nicht hundertprozentig frei. Das heißt: Sie sind mit anderen Dingen beschäftigt.

Transfermarkt.de: Demnach könnte ich jede Verletzung verhindern, wenn ich kein Problem hätte...
Holger Fischer: ... und hundertprozentig konzentriert bei der Sache wäre, ja.

Transfermarkt.de: Welche Profis zählen zu Ihren Patienten?
Holger Fischer: Ich spreche nicht von Patienten, sondern von Klienten. Zu meinen Klienten gehören Spieler von der Regional- bis zur Bundesliga. Namen nenne ich nicht, einige sind aber bekannt...

Transfermarkt.de: ... wie etwa Patrick Owomoyela, Daniel Bierofka, Mike Hanke, Serdar Tasci und Mario Eggimann. Weshalb kommen die zu Ihnen?
Holger Fischer: Sie haben in der Regel körperliche Beschwerden – darunter Brüche, Bänderrisse, Muskelfaserrisse oder Kreuzbandrisse.

Transfermarkt.de: Und wie lange dauert es, bis die Spieler wieder fit sind?
Holger Fischer: Das ist unterschiedlich. Ein paar Mal müssen sie aber schon kommen.

Transfermarkt.de: Nur ein paar Mal? Ein Kreuzbandriss braucht doch ein halbes Jahr.
Holger Fischer: Wer sagt das? Wenn wir das Thema, das hinter der Verletzung steht, gefunden haben, dauert die Heilung bei weitem nicht so lange. Ich denke da in kürzeren Zeiträumen als in einem halben Jahr.

Transfermarkt.de: Können Sie Menschen verstehen, die Ihre Fähigkeiten skeptisch beurteilen?
Holger Fischer: Natürlich. Aber wenn ich ihnen meine Logik erkläre und sie sehen, dass ich seriös argumentiere und auch erfolgreich bin, sind sie überzeugt. Ich veranstalte ja keinen Hokuspokus.

Transfermarkt.de: Wie reagieren Vereine und Mannschaftsärzte auf Sie?
Holger Fischer: Die Bandbreite ist groß. Manche Mediziner sind meinen Methoden gegenüber mittlerweile offen. Ich arbeite mit konservativen Ärzten zusammen, wie auch mit Osteopathen und Physiotherapeuten. Allerdings gibt es auch Ärzte, die mich skeptisch beäugen. Das sind vor allem diejenigen, die mich nicht kennen. Grundsätzlich gilt: Ich arbeite nur mit Spielern, die sich vorher das Okay beim Verein und beim Arzt geholt haben.

Transfermarkt.de: Daraus schließe ich, dass es schon Ärger gegeben hat. Arjen Robben und sein Wunderheiler Dick van Toorn lassen grüßen.
Holger Fischer: Ich kenne den Fall Robben nicht detailliert genug, um ihn beurteilen zu können. Was mich betrifft: Natürlich gab es früher auch schon mal Meinungsverschiedenheiten mit Vereinen und Ärzten. Daraus habe ich die genannte Konsequenz gezogen.

Transfermarkt.de: Wann haben Sie Ihre besonderen Fähigkeiten entdeckt?
Holger Fischer: Vor etwa zehn Jahren, als meine eigenen Kinder krank waren. Ich habe sie damals ausgefragt und erkannt, was hinter den körperlichen Leiden steckte. Die Heilung war so verblüffend, dass auch andere Familienangehörige zu mir kamen. Das zog dann immer größere Kreise, bis ich es schließlich zu meinem Beruf gemacht habe.

Transfermarkt.de: Haben Sie kein Problem damit, dass viele erst zu Ihnen kommen, wenn alles andere nicht geholfen hat, Sie sozusagen der letzte Strohhalm sind, an den sich viele klammern?
Holger Fischer: Nein, das ist für mich in Ordnung, solange sie mich gesund und überzeugt verlassen. Wichtig ist: Meine Klienten müssen für meine Methode offen sein. Wer sich sperrt, dem kann ich nur schwer helfen.

Transfermarkt.de: Um es mal ganz lapidar zu machen: Ein Torjäger, der nicht mehr trifft, kommt zu Ihnen. Weiß er anschließend wieder, wo die Bude steht?
Holger Fischer: Im Normalfall ja. Allerdings muss der Spieler den Weg, den ich ihm aufzeige, selbst gehen.

Transfermarkt.de: Wie viele Sitzungen brauchen Sie, um ihn wieder hinzukriegen?
Holger Fischer: Das ist schwer zu sagen, es hängt vom Einzelfall ab. In der Regel wahrscheinlich zwei.

Transfermarkt.de: Nehmen die psychischen Beschwerden von Profis zu?
Holger Fischer: Ja, aber ich möchte es lieber emotionale Belastung nennen. Der öffentliche Druck ist groß und eine Eingewöhnungszeit wird Spielern nach einem Wechsel kaum noch zugestanden. Junge Spieler werden auch nicht ausreichend auf das vorbereitet, was auf sie zukommt. Da fällt mir spontan die WM 2006 in Deutschland ein. 16 der 22 Spieler waren in den Monaten nach dem Turnier schwerer verletzt. Die medizinische Schlussfolgerung hieß: Die Spieler hatten zu wenig Erholung. Mögliche emotionale Komponenten wurden damals nicht gemessen.

Transfermarkt.de: Würden Sie einem Spieler raten, mit einer Erkrankung wie einer Depression offen umzugehen?
Holger Fischer: Das ist pauschal nicht zu beantworten. Ich wäre da aber tendenziell eher zurückhaltend. Denn letztlich bleibt ein negativer Beigeschmack. Da haben leider auch die Fälle von Sebastian Deisler und Robert Enke nicht viel bewirkt.

Transfermarkt.de: Wer kommt, hat ja meistens ein akutes Problem. Wie lang sind die Wartezeiten bei Ihnen?
Holger Fischer: Ich habe einen normalen Praxisbetrieb. Termine vergebe ich kurzfristig.

Transfermarkt.de: Gibt es Sportler oder Erkrankungen, die Sie nicht behandeln würden?
Holger Fischer: Nein. Es gibt aber Themen, die ich nur gemeinsam mit Spezialisten angehe. Und ich habe für mich auch schon eine Grenze gezogen, die ich nicht überschreite: Die verläuft dort, wo es manipulativ wird.

Transfermarkt.de: Wir bedanken uns recht herzlich für das Gespräch.